Das brennende Herz

Ich freue mich jedes Mal, wenn ich auf ein Gedicht stoße, dem es gelingt, transzendierende Erfahrungen bildhaft einzufangen. Gerade stieß ich wieder auf eins, mein Vater hat es mir vorgelesen.

Damit das Gedicht zum eigenen Ich durchschlagen kann, mag es helfen, wenn man im eigenen Leben einmal die Liebe zu einem anderen Menschen wie eine eigene Entität wahrgenommen hat, die „lebt“, und die deswegen auch Leid erfahren kann. Diesen Gedanken jedenfalls scheint Conrad Ferdinand Meyer verfolgt zu haben, als er unter dem Titel »Die tote Liebe« sein zeitloses Meisterwerk schrieb:

Entgegen wandeln wir
Dem Dorf im Sonnenkuß,
Fast wie das Jüngerpaar
Nach Emmaus,
Dazwischen leise
Redend schritt
Der Meister, dem sie folgten
Und der den Tod erlitt.

So wandelt zwischen uns
Im Abendlicht
Unsre tote Liebe,
Die leise spricht.
Sie weiß für das Geheimnis
Ein heimlich Wort,
Sie kennt der Seelen
Allertiefsten Hort.
Sie deutet und erläutert
Uns jedes Ding,
Sie sagt: So ist’s gekommen,
Daß ich am Holze hing.
Ihr habet mich verleugnet
Und schlimm verhöhnt,
Ich saß im Purpur,
Blutig, dorngekrönt,
Ich habe Tod erlitten,
Den Tod bezwang ich bald,
Und geh in eurer Mitten
Als himmlische Gestalt –

Da ward die Weggesellin
Von uns erkannt,
Da hat uns wie den Jüngern
Das Herz gebrannt.

(Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898), „Die tote Liebe“ (ca. 1890) — aus der „Freiburger Anthologie“).

Was es mit dem Begriff des „brennenden Herzen“ auf sich hat, kann man im entsprechenden Kapitel im Lukasevangelium gegenlesen.

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