Gibt es den Weihnachtsmann?

Auszug aus einem SPIEGEL-Interview mit Lana Del Rey:

Haben Sie als Kind auch an den Weihnachtsmann geglaubt?
Oh ja! Ich war fest von seiner Existenz überzeugt. Meine Mutter schrieb immer kleine Botschaften an uns, die angeblich vom Weihnachtsmann waren. So wie „Danke für die Kekse. Ich hoffe, dir gefallen meine Geschenke. Viele Grüße, W.“

Fühlten Sie sich betrogen, als Sie die Wahrheit erfuhren?
Ich war zwölf Jahre alt und schockiert und forderte meinen Vater auf, mir die Wahrheit zu sagen: „Dad, gibt es den Weihnachtsmann?“ Er schüttelte betreten den Kopf, und ich war fassungslos – „Was?“ Ich wollte dann wissen, wozu der ganze Zirkus mit den Märchen gut sein soll.

Michael Ende hat in seinem Essay »Gedanken eines zentraleuropäischen Eingeborenen« über die Entzauberung geschrieben, die ein Kind erwartet, wenn die Erwachsenen es (üblicherweise zu früh) für reif halten, die »Wahrheit« über die Welt zu erfahren. Also erzählen sie sie ihm. Dem Kind … »… wird klar gemacht, dass alles, was ihm die Welt bis dahin verwandt und heimatlich erscheinen ließ, nichts als ein plumper, betulicher Schwindel war. Es gibt kein Christkind, keinen Klapperstorch, keinen Osterhasen, keinen Schutzengel und keine Zwerge. Der kleine Wilde erfährt, dass man ihn bisher die ganze Zeit schlicht für dumm verkauft hat. Dieser grundlegende Vertrauensbruch wird nur deswegen nicht ernst genommen, weil er meist unbemerkt über die Bühne geht. Zurück bleibt eine unbewusste, aber deshalb nicht weniger tiefe Enttäuschung. Und die Überzeugung, nur das könne wahr sein, was nach Enttäuschung schmeckt.«

Harte Worte. Eine vergleichbare Erfahrung hat in unserer Kulturwelt jedes Kind machen müssen. Erinnern Sie sich daran, wie es bei Ihnen war? Wann haben Sie aufgehört, an das Christkind zu glauben, an Schutzengel, an den Mond, der über Sie wacht? Wie hat sich Ihr Glaube verändert, und waren Sie glücklich dabei?

Ein Kind nimmt alle Erzählungen als Teil seiner Realität wahr. Wenn es an dieser Stelle des Übergangs vom Kind zum Jugendlichen nicht äußerst behutsam begleitet wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es mit den plötzlich als unwahr erkannten Symbolen auch die gesamte Bedeutung aus seinem Leben ausschließt. Hier ist kein Unterschied zwischen dem Glauben an Zwerge oder an das Christkind. Wenn das Kind nicht weiterhin spüren darf, dass die Welt, auf die sich die Bilder der Erzählungen beziehen, genauso real, wirklich und echt ist wie die greifbare Realität, entsteht ein schwer zu reparierender Schaden. Eine Verbindung reißt ab.

Ist das so schlimm? Das kommt auf den Blickwinkel an: den Eltern, die, des Theaterspielens müde geworden, jetzt Geschenke gerne direkt überreichen wollen statt durch das »Christkind«, erleichtert diese Aufklärung das Leben. Sie tun dies auch, um das Kind auf »die harte Welt da draußen« vorzubereiten, in der es auch keinen Zauber gibt. Das ist nachvollziehbar, aber zu kurz gedacht. Bis (historisch gesehen) vorgestern waren Märchen und Sagen Erwachsenenunterhaltung. Die Abenteuer des Helden, der in den Wald geht und dort von der Baba Yaga eine Wurzel holen muss, die den kranken König heilen kann, wurden von Erwachsenen erzählt und von Erwachsenen gehört. Es bestand keine Gefahr, dass sie dadurch die Welt nicht angemessen wahrnehmen oder in kindliche Muster zurückfielen. Kinder waren ähnlich neugierig darauf, dabei zu sein, wie sie es heute sind, wenn es darum geht, dass sie einen Film oberhalb ihrer Altersfreigabe anschauen wollen. Der Gedanke, dass diese Dinge nur noch eine Existenzberechtigung in Kinderzimmern haben dürften, kam schrittweise mit der Aufklärung im späten 18. Jahrhundert. Wie das auf die Kinderseele wirkt, hat Ende treffend beschrieben: »… die Überzeugung, nur das könne wahr sein, was nach Enttäuschung schmeckt.«

Ob wohlmeinend oder nicht, sie hat unsere Eltern dazu gebracht, uns aus dem Garten Eden unserer Kindheit herauszureißen. Und bewusst oder unbewusst – wir geben wir die Desillusion an die nächste Generation weiter. »Jetzt ist es alt genug, ich musste das auch mal verkraften.«

Welchen Gefallen tun wir ihnen damit wirklich?

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