Das Ende von „Lichter der Großstadt“

Charlie Chaplins 1930/31 gedrehter Film „Lichter der Großstadt“/“City Lights“ enthält Chaplin selbst zufolge in der Schlußszene den „besten schauspielerischen Moment“ seiner Karriere.

Er ist zugleich regelmäßig in den „Top-10-Listen der ergreifendsten oder besten Schlußszenen der Filmgeschichte“ zu finden. Aus gutem Grund: wenn Sie den Film kennen, ist das ein einfacher Test, um zu prüfen, wie es um Ihre Empathie steht.

Sehen Sie selbst:

Der Tramp hat sich in ein blindes Blumenmädchen verliebt und hat nur eines im Kopf, und vor allem im Herzen. Wie kann er seiner Angebeteten, der er sich ausschließlich als Gentleman nähert, nie als aufdringlicher Kerl, aus der Misere helfen – noch dazu, weil sie und ihre Großmutter wegen Mietrückständen aus der Wohnung geworfen werden sollen. Er versucht sich als Straßenkehrer, und dann schließlich als Boxer. […] Die ganze Tragik der nun folgenden Geschichte, die darin mündet, dass er dem besoffenen Millionär Geld entlocken kann, dann aber für einen Einbrecher und Dieb gehalten wird, macht Chaplin eben nicht nur zu einem der größten Komiker, sondern zu einem, der wie kaum ein anderer Komik und Tragik zu verbinden wusste. Der Tramp kann das Geld dem Mädchen noch übergeben, aber er muss einen hohen Preis dafür zahlen: Gefängnis.

Der meinem Gefühl nach absolute Höhepunkt des Films ist dann tatsächlich die Schlussszene. Der Tramp, in verlumpten Kleidern aus dem Gefängnis entlassen, geht – voller Sehnsucht, und dennoch nicht aufgebend – an den Ort, an dem die junge Frau ihre Blumen verkauft hatte. Doch da ist sie nicht. Er trifft sie wieder, sie, die nicht nur wieder sehen kann, sondern der das Geld auch ermöglichte, einen eigenen Blumenladen zu kaufen, sie, die bei jedem Mann, der den Laden betritt, hofft, es könne ihr vermeintlich reicher Wohltäter sein. (Quelle)

Was dann geschieht ist Essenz des Kinos:

Warum ist dieser Film ein Test Ihrer Empathiefähigkeit? Er baut auf einem vierfachen Empathieeffekt auf. Achten Sie darauf, wessen Seite(n) Sie am Ende nachfühlen können.

Spüren Sie sein Dilemma, hin und hergerissen zu sein zwischen dem Wunsch, ihr nahe zu sein, jedoch zu wissen, dass ihre Gefühle wahrscheinlich die Wahrheit nicht ertragen? Fühlen Sie ihre Mischung aus Überraschung, Enttäuschung und Erkennen, als sie plötzlich – nicht erkennt, sondern weiß, dass er der Wohltäter war und das Toben ihrer widerstreitenden Emotionen?
Wie stark ist das Gefühl Ihres Miterlebens beider Seiten in diesen wenigen Sekunden, in denen die Wahrheit offenliegt, und diese beiden Menschen sich und den anderen erkennen, sie einander empathisch sind? (aus: „Die Bergwanderung„)

Wenn Sie den Film nicht kennen, worauf warten Sie noch?

Interessante Gedanken? Diskutieren Sie mit in einer Mythologischen Tafelrunde!